Frühjahrsputz im Februar! Und was ich hier gefunden habe: Einen Text. Der muss hier jetzt einfach rein.
Wie schwer das ist, anzufangen, irgendwo. Abends, als die grauen Häuserwände noch vor dem orangenen Sonnenuntergang in den Himmel stechen. Vielleicht noch März, ein Abend, die Familien sitzen zu Tisch, doch wir haben schon zusammen ein Bier getrunken. Fleischer ist neu in der Stadt, doch schon jetzt ist sie zu klein. Fleischer fährt mich in der Dämmerung herum. Wir wissen noch nicht, wo es hingehen soll. Wir halten an einer Telefonzelle, nach wenigen Minuten kommt Fleischer zurück und wir wissen nun bescheid. Ein rotes Sandsteinhaus. Wir bekommen Kartoffeln und Rosenkohl. So macht es der Gastgeber schon seit Jahren, heisst es. Der Steward kommt dazu, eben ist er aus Leipzig zurückgekehrt. Der Steward spricht laut und hat Alkohol mitgebracht. Der Gastgeber schenkt allen ein. Wir wollen vergessen, oder wieder wie früher sein; da hilft nur: Saufen. Die letzte Pfanne ist schon längst ausgeleckt, als wir Kirschlikör entdecken. Muss ja, wir haben nichts anderes mehr. Recht unvermittelt sitzt Fleischer auf dem Fahrersitz neben mir, wir haben uns endlich verfahren. Heute nacht keine Angst, dass wir schrecklich verstümmelt aus einem Blechklumpen gekratzt werden müssen. Ich strecke mich und selten zufrieden, ja friedlich fühlt es sich an. Ein Fuchs schafft es gerade noch vor uns vorbei, und die Gewissheit ein aufblitzen im Kopf aus Kirschlikör: Heute, heute abend, heute nacht, das war der Anfang. Von. Etwas. Neuem.
Ich sehe den Gastgeber am anderen Ende des Regals stehen. Über Likör will ich mich nicht mit ihm unterhalten. Auch der Steward würde kein allzugutes Gesprächsthema hergeben. Vielleicht bin ich auch nur in keiner Laune zu einem weiteren kennenlernen. Doch der Gastgeber erkennt mich, weil ich zu lange gezögert habe. Oh hallo. Er ist sehr nett. Wir gehen hinaus, der Gastgeber nimmt noch einen kleinen Kalender mit. Auf der gegenüberliegenden Strassenseite finden wir ein Café, noch kenne ich mich nicht so gut aus in diesem fremden Stadtteil. Doch der Gastgeber hat die richtige Wahl getroffen. Ich hasse Milchkaffee und heisse Schokolade. Wir sprechen über Hobbies. Sein Hobby ist: Reisen. Das ist ja nichts neues, aber beeindrucken lasse ich mich dennoch. Hinterher ärgere ich mich darüber. Wir verspechen, uns wiederzusehen.
Welche der zwei Begegnungen zuerst stattgefunden hat, das weiss ich heute nicht mehr. Zwei müssen sich gegenseitig beweisen, dass sie es alleine schaffen. Zufallsbegegnung, Name vergessen. Weitere Treffen, jetzt mit Absicht. Namen merken, Herkunft erforschen. Vorlieben erfüllen, Wünsche ablesen. Abstand nehmen, Reaktionen testen. Wieder näher. Schattenspiele an der Wand beobachten. Viel geredet, viel gelacht. Noch mehr geweint. Ich wünschte, es wär mir scheissegal, dass du mich verachtet hast. Oder war es bewunderung? Wie du dir vorgenommen hast, nie wieder jemanden zu bewundern. Du wolltest nie kleiner sein. Bewundern bedeutet, sich kleiner als den bewunderten zu machen. Wie du wolltest, dass niemand diesen Beschluss erfährst.
Wie ich einmal versuchte, ein Vorwort zu verfassen.
Eine Geschichte, die kein Ende gefunden hat. Ohne Absicht begann sie, und niemand hat sich die Mühe gemacht, sie fertigzuschreiben. Eine Laune, und die war nicht immer gut, und als die Kirschblüten sprossen, begann der Frühling. Nicht nur vor der Tür, auch im Kopf, würde Manfred Bissinger sagen. Gemeinsam haben wir die Hoffnung, die Angst, die Liebe durchgestanden. Ich weiss nicht, was wir gefunden haben, aber ohne wäre unser Leben nicht das, was wir heute haben. Danke. Derek Gold
Posted by Derek Gold at 21.02.03 21:10